Montag 27. März 2017

Inhalt:

Im Unterschied zur konsumorientierten Wirtschaft, die auf einer "Kultur des Habens" basiert, ist die Wirtschaft in Gemeinschaft eine Wirtschaft des Gebens. Das oberste Ziel dieser Wirtschaft besteht in einer Gemeinschaft unter Menschen und Völkern, in der niemand Not leidet.

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Herr Prof. Zamagni, am 29.5.2011 feiert die WiG ihren 20. Geburtstag. Sie waren und gelten als einer, der die Idee der WiG sehr schätzt und von ihr überzeugt ist. Können Sie sich daran erinnern, als Sie das erste Mal von der WiG hörten?

 

Ich hörte zum ersten Mal von der WiG, als Luigino Bruni, der damals an seiner Doktorarbeit schrieb, für ein Interview zu mir kam. Er benutzte diesen Begriff, der mich anfangs völlig überraschte.

Aber erst als ich Chiara Lubich traf, begann ich das Projekt ernsthaft in Betracht zu ziehen. Bei diesem Treffen merkte ich, dass ich nicht nur einer Person gegenübersaß, die eine Inspiration hatte (inspirierte Personen gibt es heute viele), sondern einer prophetischen Person.

Ich war tief davon getroffen, eine Person, die kein Wirtschaftswissenschaftler ist, in einer solchen Einfachheit - der gleichen Einfachheit des Kindes, von der das Evangelium erzählt - von der Möglichkeit sprechen zu hören, einem Modell wie dem der WiG Leben einzuhauchen. Das hat mich tief beeindruckt – viel mehr als wenn mir das Projekt durch einen Wirtschaftsexperten vorgestellt worden wäre. Ab diesem Zeitpunkt begann ich über die tatsächliche Bedeutung dieser Erfahrung nachzudenken. Wenn ich mich richtig erinnere, dann geht mein erster Beitrag zu diesem Thema bis in die Jahre 1998 – 1999 zurück, als die WiG nicht einmal die Hälfte seiner 20 Jahre hinter sich gebracht hatte.

 

Denken Sie, dass die WiG tatsächlich eine Hoffnung für die aktuelle Wirtschaftskrise darstellen kann? Wenn ja, warum?

 

Die WiG ist ein Beispiel für eine prophetische Minderheit in der sogenannten Spieltheorie. Sie ist gewiss nicht die einzige wenn gleich aber eine hervorragende. Gemäß der Spieltheorie ist es notwendig, eine Minderheit zu haben, in zahlenmäßigen Begriffen, um gewisse objektive Determinanten der Zivilisation und des moralischen Fortschritts, der über den wirtschaftlichen Fortschritt hinausgeht, zu erreichen. Diese Minderheit handelt als Katalysator und als Wegweiser auf ein höheres Ziel, das erstrebenswert erscheint. Wenn die prophetische Minderheit auf bestimmte Bedingungen trifft, wird die Idee durch andere aufgenommen und in der Folge ein langsamer und allmählicher Transformationsprozess angestoßen, der zu einem Fortschritt der Gesellschaft führt.

Das war der Fall bei der Franziskanischen Schule im 13. Jahrhundert. In einem völlig anderen Kontext hatte dieses Beispiel in jener Zeitperiode eine analoge Rolle. Zu jener Zeit waren die Franziskaner nur eine prophetische Minderheit, aber wir alle wissen, was danach passierte. Gehen wir noch weiter zurück, dann können wir dasselbe über die Benediktinische Ordensregel sagen. Als der hl. Benedikt mit „ora et labora“ startete, konnten nur wenige diese neue Regel verstehen und wertschätzen. Viele konnten einfach dieses Konzept nicht erfassen. Nach einigen Jahrzehnten aber begann sich die benediktinische Bewegung in ganz Europa auszubreiten und bewirkte die Neubelebung, mit der wir alle vertraut sind. Unsere Geschichte ist voll von solchen prophetischen Minderheiten, die das vorherrschende soziale Gleichgewicht aufbrechen. Indem ein Vorhang durchtrennt wird, um einen stärkeren Ausdruck zu verwendet, lassen sie die anderen erahnen, dass eine andere Richtung möglich ist. Wenn mir jemand sagt, „die WiG Betriebe werden die Welt nicht ändern, weil sie nur wenige sind“, der spricht Unsinn, denn die WiG Betriebe müssen wenige sein. Von ihnen ist nicht anzunehmen, dass sie die dominierende Kraft würden. Ihre Stärke liegt nicht in der Anzahl, aber in ihrer Fähigkeit anderen zu zeigen, auch Nicht-Glaubenden, dass es tatsächlich einen anderen Weg Wirtschaft zu praktizieren gibt. Die Franziskaner haben nicht erwartet, dass alle Unternehmer ihrer Zeit zu Franziskaner würden. Sie arbeiteten nur daran, dass die Regel akzeptiert würde. Trotzdem, hätte es diesen Kern nicht gegeben, hätte der gesellschaftliche Humanismus und die Renaissance nicht stattgefunden.

Heute entwickelt sich die WiG zu einer ähnlichen Rolle. Anstatt sich ständig darüber zu sorgen, wie man die Anzahl der Unternehmen erhöht, sollte man sich darauf konzentrieren die Qualität, das heißt die prophetische Fähigkeit, die die Unternehmer darstellen, zu verbessern.

 

Sie werden an den Feierlichkeiten zur 20-Jahr Feier der WiG im Mai in Brasilien teilnehmen. Was denken Sie, sollten unsere Ziele für die nächsten 20 Jahre der WiG sein?

 

Ich würde sagen, wir sollten uns die Allegorie Platos zu Herzen nehmen. Plato sagt „die Ackerfurche wird gerade sein, wenn die zwei Pferde, die den Pflug ziehen, sich mit der gleichen Geschwindigkeit fortbewegen.“ Zur WiG würde ich sagen: Sorgt euch darum, dass die zwei Pferde mit dem gleichen Tempo nebeneinander laufen. Das erste der zwei Pferde steht in ökonomischen Begriffen für die Effizienz, die Kapazität auf dem Markt ohne Unterstützungen zu bestehen. Das andere Pferd hingegen symbolisiert die Geschwisterlichkeit. Also die Umsetzung des Prinzips der Gegenseitigkeit in das wirtschaftliche Handeln.

Wenn die WiG es schafft, die zwei Pferde zusammen zu halten, dann ist das Spiel gewonnen und sie wird zu einer prophetischen Minderheit. Und die Auswirkungen werden bestimmt sichtbar werden. Wenn wir aber z. B. dem Pferd der Effizienz (Wirtschaftlichkeit) erlauben schneller zu laufen, indem wir die Geschwisterlichkeit vernachlässigen, verfallen wir der Gefahr alles für das Streben nach Effizienz zu opfern. Wenn das passiert, kann uns jemand fragen: „Wozu brauchen wir das?“. Aber es gilt auch das Gegenteil. Wenn das Pferd der Geschwisterlichkeit vorausläuft, indem es das der Wirtschaftlichkeit links liegen lässt, dann kommt man auch nicht voran. Die Unternehmen müssen strategisch und finanziell unabhängig sein, um innerhalb des Marktes agieren zu können. In dem Moment, wo diese Unternehmen, um voranzukommen, gezwungen sind, sich auf die Defensive zu verlegen oder sich Forderungen Dritter beugen müssen, verlieren sie ihre prophetische Aufgabe, die man dann auch nicht mehr braucht. Aus diesem Grund sollten wir uns Platos Allegorie zu Herzen nehmen. Plato war einer, der davon etwas verstand.

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Lasst euch mit Gott versöhnen.

(2 Kor 5,20)

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